Kategorie: Finanzbranche, Fintech

Die Zeit ist reif für die Digital ID

Was SuisseID bisher nicht geschafft hat, könnte UBS, Credit Suisse und Swisscom gelingen.

Bild: Imilian | Getty Images


Das Leben ohne digitale Identität

Menschen müssen sich in zahlreichen Situationen eindeutig identifizieren und authentisieren. Angefangen beim Reisen (Pass), übers Autofahren (Führerausweis), bis hin zu Zugangs- oder Zugriffsberechtigungen (Schlüssel, Logins).

Für die Identifikation und Authentisierung in verschiedenen Lebens- und Geschäftsbereichen sind eine Vielzahl von Trägern und Prozessen notwendig: Ausweise, Karten, Dokumente, Passwörter, elektronische Daten oder Mischformen. Um ein neues Dokument oder einen neuen Zugang zu einem System zu erhalten, werden immer wieder dieselben Daten einer Person benötigt, die jedes Mal neu erfasst und verifiziert werden müssen. Vorname, Name, Geburtdatum, Geschlecht, Beruf, persönliche Merkmale und mehr, je nach Bereich und Anwendung. Und am Schluss hat ein User x Ausweise, x Logins, x Passwörter und das Chaos ist komplett.

Das Leben mit Digital Identity

Eine einmal erfasste, verifizierte, sicher verwahrte und vertrauenswürdig verwaltete digitale Identität löst dieses Problem und schafft Sicherheit und Effizienz. Jedes Individuum und jede Institution kann sich über die eigene digitale Identität eindeutig identifizieren, authentisieren und auch Dokumente rechtsgültig digital signieren. Die Verfahren sind im Kern definiert und vorhanden, über die sich ein Individuum oder eine Institution über "den Umweg" auf die hinterlegte Digital Identity ausweisen und für Zutritte und Zugriffe legitimieren kann.
Über den Nutzen und die Möglichkeiten der Digital ID haben wir kürzlich in unserem Artikel über Estland berichtet. Nicht von ungefähr nutzen 94 Prozent der Esten eine digitale ID und Estland selbst hat rund um die Digital ID aus der Digitalisierung ein ungewöhnliches und erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt.

Seit 2010 am Werk: SuisseID

Mit Rückenwind des Bundes und beachtlichen Budgets versucht der Trägerverein SuisseID (SECO, BIT, QuoVadis, Schweizerische Post/SwissSign und Swisscom) seit 2010 der Digital ID zum Durchbruch zu verhelfen. Das Projekt kommt jedoch nicht wirklich vom Fleck und SuisseID ist es bisher nicht gelungen, Bekanntheit und Bewusstsein für die digitale Identität zu schaffen.

Die Wege zur eigenen SuisseID sind denn auch etwas mühsam und für Privatpersonen zu teuer (je nach Anbieter zwischen 147.– und CHF 195.– für 3 Jahre). Zudem funktioniert der Service eingeschränkt und läuft zum Beispiel auf Max OS X und Linux nicht. Aktuell ist der Trägerverein dabei, das Geschäftsmodell zu ändern, für Anwender soll die SuisseID in Zukunft kostenlos erhältlich sein. Erträge werden über Online-Anbieter, Unternehmen und Verwaltungen generiert, welche die SuisseID Services nutzen. Pauschal oder über Pay-per-Use-Ansätze. Die SuisseID soll zudem einfacher, mobiler und benutzerfreundlicher werden. Der Relaunch ist lobenswert – dennoch ist die Frage erlaubt, weshalb in Zukunft funktionieren soll, was in den letzten fünf Jahren nicht über den Status eines erweiterten Feldversuches hinausgekommen ist?

Neu im Spiel: SuisseID bekommt Konkurrenz durch Banken

Wie der Sonntagsblick berichtet, arbeiten UBS, Credit Suisse und Swisscom am gemeinsamen Projekt einer Digital Identity. Ein brisante Konstellation, weil das Triumvirat über Know-how und auch über gewaltige Adress- und Datenstämme verfügt. Zudem verschafft die Doppelrolle der Swisscom (Gründungsmitglied des Trägervereins SuisseID) der neuen Projektgruppe in Sachen Know-how, vermeidbare Umwege und Erfahrungshintergrund zusätzliche Vorteile. Andreas Kubli (Head Multichannel Management & Digitization, UBS) im Blick zum neuen "Passepartout fürs Internet":

«Wir möchten, dass sich Kunden dereinst mit dem Bank-Login etwa bei Online-Shops, Ämtern oder für die Steuererklärung anmelden können. Für uns ist das ein sehr spannendes Thema, da es viele Prozesse vereinfachen kann und der Kunde einen grossen Nutzen hat.»

Der Bund hat bereits Anfang 2016 entschieden, selbst keine Digital ID herauszugeben, er definiert lediglich die Rahmenbedingungen dazu. Damit ist das Feld für private Anbieter frei. Freiräume, die aktuell von den Banken und Swisscom genutzt werden, in Kooperation mit dem lettischen Startup Notakey.

Anwender und Anbieter

Der Tages-Anzeiger hat in seiner gestrigen Ausgabe eine Kurzumfrage zur Digital ID lanciert. Bis Redaktionsschluss waren über 57 Prozent der Teilnehmer der Meinung, dass ihnen die Verwendung einer digitalen Identität viel zu gefährlich wäre. Dieser erste Reflex ist als Hürde mit guter Kommunikation und plausibler Information zu überspringen. Weil Menschen durch Komfort (fast) immer zu überzeugen sind, sofern sie dem Anbieter, den Prozessen und der Datenhaltung vertrauen. Zudem haben die inzwischen breit genutzten Facebook- und Twitter-Logins gezeigt, dass sich Komfort und Einfachheit eher schnell durchsetzen.

Auf die weitere Entwicklung und die Lösung von UBS, Credit Suisse und Swisscom darf man gespannt sein. Einerseits, weil die aktuelle Trägerschaft ihre potenziellen Anwender bereits kennt und auf riesige Datenbestände zurückgreifen kann, sofern Kunden ihr Einverständnis dazu erteilen und die digitale Identität nutzen möchten. Vor allem jedoch dürfte das Projekt gute Chancen haben, weil mehrere Voraussetzungen gegeben sind und positiv ins Gewicht fallen: Dynamik, Technologie, gebündeltes Know-how in vergleichbaren Projekten und vor allem auch im Marketing. Letzteres ist mitentscheidend, um über intelligente Kommunikation Schweizerinnen und Schweizer zu überzeugten Digital ID-Nutzern zu machen. 

Kooperationspartner: Notakey

Estland: Digitalisierung als Geschäftsmodell

SuisseID: Details zur Initiative

Stichworte im Lexikon: Digital Identity | Authentifizierung


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